Navigation:
These #12

Das BIP wird abgeschafft: das Verhältnis von Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität muss neu definiert werden.

In der derzeitigen Krise starrt alles auf die Konjunkturdaten. Das Wirtschaftswachstum ist dabei der Gradmesser, an dem die Gesundung gemessen wird, denn ein Einbruch des Wirtschaftswachstums bedeutet Verluste von Jobs und soziale Unsicherheit. Man braucht nicht mehr den Club of Rome, um zu begreifen, dass unendliches Wirtschaftswachstum mit begrenzten natürlichen Ressourcen nicht zu bewerkstelligen ist. Wir haben nur diesen einen Planeten. Wenn alle (künftig) neun Milliarden Menschen über den derzeitigen Reichtum der OECD-Länder verfügen würden, müsste die Wirtschaftsleistung bis zum Jahr 2050 15mal höher sein als heute. Wirtschaft, Umwelt und Soziales sind nicht voneinander zu trennen. Vor diesem Hintergrund stellen sich Fragen: Wie ist „nachhaltiges“ oder gar „moralisches“ (© Stiglitz) Wachstum zu erreichen? Wie können die berechtigten Forderungen der Entwicklungsländer nach Wachstum und die Notwendigkeit einer stabilen Wirtschaft mit den vorhandenen Ressourcen erreicht werden? Wie sieht das Verhältnis von Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität aus? Braucht es andere Konsumgewohnheiten in den entwickelten Ländern und wenn ja, welche politischen Maßnahmen können diese unterstützen? Brauchen wir neue Messlatten, um Fortschritt und Wohlstand zu messen? Die letzte Frage würden auch viele ÖkonomInnen heute mit „ja“ beantworten. Die Frage ist nur, wie.

Beispiel

Die vom französischen Präsident Sarkozy 2008 eingesetzte „Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress”, an der Joseph Stiglitz, Amartya Sen und vier weitere Nobelpreisträger mitarbeiteten, legte kürzlich - ein Jahr nach der Lehmann-Pleite - ihren Bericht vor. Der Fortschritt von Gesellschaften und Staaten und das Glück der Menschen und der Völker können durch schlichtes ökonomistisches Zusammenzählen von Wirtschaftsvorgängen nicht einmal annähernd beschrieben oder definiert werden. Vorschläge für ein neues, anders bewertetes BIP gibt es schon lange: Die Vereinten Nationen haben einen Index der menschlichen Entwicklung erarbeitet. Die Weltbank verwendet soziale und ökologische Kriterien bei der Berechnung von Wohlstand. Umweltorganisationen haben das Konzept des "ökologischen Fußabdrucks" geprägt, der von einigen Behörden bereits als Messgröße für den ökologischen Fortschritt anerkannt wird. Das Himalaya-Königreich Bhutan setzt auf das „Bruttosozialglück“ und die EU-Kommission hat ebenfalls eine Initiative gestartet: Ein "Index für die Umweltbelastung" soll das BIP ergänzen, Lebensqualität und Wohlstand sollen neu vermessen werden.

Vorschlag

Das BIP allein macht nicht glücklich. Es macht keine Aussagen bezüglich Wohlstand, Lebensqualität oder Verteilungsgerechtigkeit. Da der wirtschaftliche „Erfolg“ (oder die Krise) auch in den Medien aber oft nur über das BIP transportiert werden, fällt es politisch oft so schwer, Maßnahmen durchzusetzen, die zwar der Lebensqualität dienen, aber das Wachstum des BIP schmälern könnten. Das BIP des 20. Jahrhunderts hat ausgedient und muss zu einem BIP-NEU werden, dass den oben beschriebenen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht wird. Ein neues, ökologisch und sozial ausgerichtetes BIP kann das Umdenken für den notwendigen Kurswechsel befördern.



Bewertung

(-5 bis +5) Onlinediskussion
+1.26 Durchschnitt (Basierend auf 651 Stimmen – 14.2.2010)
Weitgehender Konsens (bei vergleichsweise geringer Priorität).

Diskussion

Neue Bewertungskriterien für Wohlstand sind notwendig. Wachstum muss vom Ressourcenverbrauch entkoppelt werden. Das „Bruttonationalglück (BNG)“ (Bhutan) wird als Beispiel angeführt, zugleich die unmittelbare Umsetzung in einem europäischen Land angezweifelt. Welche Wirkung haben die Indikatoren für das wirtschaftliche und politische Handeln? Wird ihre Bedeutung nicht generell überschätzt? Letztlich geht es um die Werte, denen ein Staat folgt.

Streifzug durch Statements:

  • Sehr gut! Leider werden derzeit am BIP sehr viele Kennziffern festgemacht und dann der Erfolg oder Misserfolg einer Volkswirtschaft abgeleitet. Daher auch hier Zieldefinitionen, was soll abgebildet werden?
  • Neue Bewertungskriterien für Wohlstand sehr wichtig;
  • Wachstum muss von Ressourcenverbrauch abgekoppelt werden.
  • „Small is beautiful“;
  • Bruttonationalglück (Bhutan);
  • Steigerung der Lebensqualität;
  • Nachhaltiges Wachstum ist ein Widerspruch!
  • BIP misst schädliche Faktoren (Autounfall steigert das Bruttoinlandsprodukt, ein Zuwachs an Bildung aber nicht)
  • Wirtschaft ist bisher ausschließlich auf Wachstum ausgerichtet – Element der „Nachhaltigkeit“ muss ins  Zentrum rücken;
  • BIP ist ein „Maß für Ausbeutung und Gier“ - Faktoren wie ökologischer Fußabdruck sind mit einzubeziehen;
  • Steuersystem umstellen: von der „Menschenbesteuerung“ zur „Ressourcenbesteuerung“;
  • Bruttonationalglück á la Bhutan;
  • „Stavros Dimas hat das BIP-neu doch schon auf den Weg gebracht. Ich zitiere das Wirtschaftsblatt "Der Index soll Klimawandel und Energieverbrauch, Natur und Artenvielfalt, Luftverschmutzung und Folgen für die Gesundheit, Wasserverbrauch sowie das Abfallaufkommen berücksichtigen." Hört sich doch schön grün an.
  • „Ja dann misst damit halt das Wachstum. Was ist aber mit Wohlstand und Lebensqualität? Was ist mit Bildung und Kreativität? Was ist mit sozialem Engagement und Glück?“
  • „Bin dagegen, dass irgendwo, irgendwer, irgendwie messen will, wie glücklich einer durchschnittlicher Österreicher ist. Ich möcht da selbst dabei sein, möchte selbst meine Stimme abgeben und sagen können, ob ich mich in Europa wohl fühle, ob ich mich sicher fühle, ob ich für mich Perspektiven sehe, ob ich genug Freiräume habe, ob ich mich sozial eingebunden fühle, ob ich vielleicht auch gern bereit wäre, für die Gemeinschaft mehr zu tun, weil es mir so gut geht ...“
    „Das BIP ist ja nur ein buchhalterischer Wert, der mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Aber solange sich die Leute von bedeutungslosen Zahlen irre machen lassen, wird der "'Schmäh" wohl funktionieren.“

Bewerten Sie die These: Sie haben für diese These schon abgestimmt

-5 Stimme nicht zu, -4, -3, -2, -1 Bin neutral, 0, 1, 2, 3, 4, 5 Stimme voll zu

 

Statistik

 
0.86 Durchschnitt
Basierend auf 1105 Stimmen

  • rm2000
    Back
     

    Sehr gut! Leider werden derzeit am BIP sehr viele Kennziffern festgemacht und dann der Erfolg oder Misserfolg einer Volkswirtschaft abgeleitet. Daher auch hier Zieldefinitionen, was soll abgebildet werden?

     
    • Freund
      Back
       

      Ja dann misst damit halt das Wachstum. Was ist aber mit Wohlstand und Lebensqualität? Was ist mit Bildung und Kreativität? Was ist mit sozialem Engagement und Glück?

       
  • founder
    Back
     

    Das BIP muß bilanziert werden. So ist es ja wie der Bruttoumsatz einer Firma. Die eine Firma hat 2 Millionen Umsatz und 1 Million Verlust, die andere nur 1 Million Umsatz, dafür 0,1 Millionen Gewinn. Das heißt beim BIP eine Folgekostenabschätzung der verbrauchten Ressourcen, des erzeugten Abfalls. Genau in dieser Hinsicht gehört dann auch das Steuersystem umgebaut. http://politik.pege.org/2009-gw2/endbesteuerung.htm

     
  • alexriepler
    Back
     

    Stavros Dimas hat das BIP-neu doch schon auf den Weg gebracht. Ich zitiere das Wirtschaftsblatt "Der Index soll Klimawandel und Energieverbrauch, Natur und Artenvielfalt, Luftverschmutzung und Folgen für die Gesundheit, Wasserverbrauch sowie das Abfallaufkommen berücksichtigen." Hört sich doch schön grün an. Was gibts da noch zu diskutieren?

     
    • founder
      Back
       

      Die Hauptfrage für BIP neu ist, wie bewertet man die Treibhausgase. Wenn man jede CO2 Emission als Kreditaufnahme betrachtet, die einmal zurück gezahlt werden muß, durch aktive CO2 Reduzierung, dann ist zu bewerten wieviel CO2- Kreditrückzahlung die Emission verursacht um den Zustand um 1850 wider herzustellen. Zinsen gibt es über auftauende Permafrostböden. Das heißt pro kg CO2 emitiert, müssen eventuell 3,5 kg CO2 aus der Atmosphäre gebunden werden. http://wohnen.pege.org/2009/co2-zinsen.htm

       
  • Stromlieferant
    Back
     

    Die ständige Erhöhung des BIP führt in eine Sackgasse. Warum führen wir nicht auch das "BruttoNationalGlück ein". Das Königreich Bhutan lebt es anscheinend vor. http://de.wikipedia.org/wiki/Bruttonationalgl%C3%BCck Klar, Glück ist für jedem etwas anderes, aber das streben nach Reichtum gehört eher nicht dazu. Früher oder später erkennen die meisten Menschen, dass sie Reichtum nicht unbedingt glücklich macht.

     
    • handyman
      Back
       

      Man kann besonders in Österreich Kompetenz auch dadurch vortäuschen, "nein" zu sagen. Insbesondere wenn zugleich keine konkreten Lösungsvorschläge genannt werden. Der Unterschied zwischen privatem Reichtm und Gemeinwohl liegt wohl nur im Steuersystem.

       
  • handyman
    Back
     

    Ganz sicher ist das reine BIP kein Gradmesser. Ich glaube auch nicht, dass dieser für Wohlstandsbemessungen seriöser Natur verwendet wird. Mich stört allerdings die in der These mitschwingende indirekte Rechtfertigung turbokapitalistischer Methoden unter dem Vorwand von Umwelterfordernissen. Ganz sicherlich ist die Umweltzerstörung nicht schuld an der Finanzkrise.

     
  • Freund
    Back
     

    Bin dagegen, dass irgendwo, irgendwer, irgendwie messen will, wie glücklich einer durchschnittlicher Österreicher ist. Ich möcht da selbst dabei sein, möcht selbst meine Stimme abgeben und sagen können ob ich mich in Europa wohl fühle, ob ich mich sicher fühlen, ob ich für mich perspektiven sehe, ob ich genug Freiräume habe, ob ich mich sozial eingebunden fühle, ob vielleicht auch gern bereit wäre für die Gemeinschaft mehr zu tun, weil es es mir so gut geht....

     
  • rudolfdangl
    Back
     

    Das BIP ist ja nur ein buchhalterischer Wert, der mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Aber solange sich die Leute von bedeutungslosen Zahlen irre machen lassen, wird der "'Schmäh" wohl funktionieren.